Banerjee`s Engel

von Klaus Lea, München 2008

Ob es richtig ist, sich in Engelgeschäfte einzumischen, kann ich nicht sagen. Doch manchmal kommt man einfach nicht drum herum. Denn obwohl die Engel seit einigen hundert Jahren – einer nach dem anderen – verschwunden sind, wie uns glaubwürdige weise Zeugen sagen, haben sie doch während ihres irdischen Aufenthalts reichlich und eindrucksvolle Spuren hinterlassen.

Nicht sind sie etwa vor hiesigen Unbilden und menschlichen Mängeln in selige Gefilde geflüchtet; das kennen sie nicht. Auch geschah ihr Fortzug nicht wegen ihres Scheiterns bei der Arbeit an der menschlichen Seele; das wäre gegen ihr Ethos. Sondern es sei schlichte Erkenntnis von OBEN gewesen, dass dem Wesen bzw. Experiment Mensch in der Entwicklung nicht weitergeholfen werden könne, da es sich gegen guten Rat sperrt und lieber nach eigenem Stil oder Unstil zu eigenem Segen oder Unsegen gewirtschaftet habe. Beste Gelegenheit für höhere Gewalt also, diese bizarre Erscheinung des Universums am fernen Rande einer mittleren Galaxis eine kleine Ewigkeit im eigenen Saft schmoren zu lassen, „seines Glückes eigener Schmied“ sein zu lassen, um mit gnadenvoller Gelassenheit darauf zu warten, was dabei herauskommt – eben, nach dem allgemein gültigen irdischen Satz: „Hilf Dir selbst, dann hilft Dir Gott!“

Zwei Jahrhunderte schon haben wir dieses Denken und Schmieden erlebt und sehen die ersten Resultate, ob segensreich oder nicht, und die Menschenwelt ist nicht untergegangen, und nimmt trotz oder wegen der Massenvernichtung durch Kriege und Naturkatastrophen immer nur zu. Ja, für die Kruste der Erde ist das Wesen Mensch vergleichbar mit Hautkrebs: es breitet sich aus und frisst sich solange fort, bis ihm die Nahrung ausgeht.

Und nun das! – Weder Wunder noch Zufall, dass dem Maler Romen Banerjee ganz unerwartet beim Aufschließen seiner Ateliertür diese Hand auf der Schulter lag, diese Hand, genauer, diese Hand eines Engels, der nach dem Weg fragte. – Wie?! Ein Engel fragt nach dem Weg? – Na ja, nu ja, glaub’ s wer will.

Der Engel wird uns den Beweis schuldig bleiben, weil er verschwand und nicht wieder gesehen wurde. UND! Ließ den verdutzten Maler am Eingang zu
seiner Werkstatt stehen, mit einer Fülle dessen, was jeder Maler so dringend braucht: ERLEUCHTUNG. Wie nun dieser Maler, als Füllhorn, mit dieser
Erleuchtung umgegangen ist und sie benutzt hat, sehen wir – sofern wir sehen – in diesem Buch.

Außerdem bleibt uns ein Mysterium erhalten: Ist er noch, dieser letzte, blieb er noch – als Beobachter, sozusagen – oder war er der ultimative Abschied, der Beginn einer neuen Sehnsucht nach wundersamen vergangenen Zeiten, ähnlich der Sehnsucht nach den verschwundenen Heinzelmännchen von Kölle, die wir nur noch gedichtet, gemalt erleben dürfen, nicht als feenartige wohltätige Helfer.

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