Bericht einer Freundschaft

von Alexander Wolf, Berlin 2008

Ich erinnere mich noch genau an die erste Begegnung mit Romen. Wir trafen uns in der Cafeteria des Martin-Gropius-Baus in Berlin. Der trostlose Raum war fast menschenleer, und Romen saß allein vor einem kleinen Stoß von Katalogen und Papieren in der Mitte des Cafés an einem der quadratischen Tische. Ich war im Gropius-Bau mit der Malerin Alke Brinkmann verabredet, und im Anschluss daran hatte sie mich gefragt, ob ich nicht noch einen Kaffee trinken wolle. Ich könnte gleichzeitig einen guten Freund, der auch ein sehr interessanter Künstler sei, kennen lernen. Als wir die Cafeteria betraten, sprang Romen sofort auf, kam uns entgegen und umarmte Alke freudig. Mein erster Eindruck war positiv. Merkwürdig ist, dass ich nicht mehr weiß, ob er damals lange, kurze oder fast gar keine Haare hatte. In den kommenden Jahren sollte sich dies ständig abwechseln und ist zuletzt sogar in einer derartigen Menge von Haaren an Kopf und Gesicht geendet, dass man unwillkürlich an einen dieser Taliban-Kämpfer aus den 20:00-Uhr-Nachrichten denken muss.

Meine Erinnerung ist vollkommen vom damaligen Ausdruck seiner Augen bestimmt. Beinahe distanzlos, in einer unglaublich offenen, lebendigen und herzlichen Weise schauten mich diese grün-braunen Augen an. Sofort war eine Unterhaltung im Gange, und das seltene Gefühl wirklichen Interesses aneinander stellte sich ein. Dieser Zauber hat sich dann auch über all die Jahre bis zum heutigen Tag erhalten. Es war immer ein wirklicher Austausch und eine Art Seelenverwandtschaft – wenn man diesen abgeschmackten Begriff überhaupt verwenden darf – vorhanden. Alke fühlte sich schnell als fünftes Rad am Wagen und verlor das Interesse an unserem Gespräch. Für sie waren es ja auch alles bereits bekannte Informationen. Wie ich später erfuhr, hatten Alke und Romen nicht nur gemeinsam Kunst studiert, sondern auch eine Zeit lang zusammen gewohnt. So stand sie nach fünf Minuten auf, verabschiedete sich und ließ uns beide zurück.

Das Gespräch entwickelte sich wie von selbst. Für Romen war ich nicht nur irgendeine neue sympathische Bekanntschaft, sondern auch von beruflichem Interesse. Ich hatte zwei Jahre zuvor eine Galerie in Kreuzberg eröffnet und war ständig damit beschäftigt, mein Programm zu verbessern, neue interessante Künstler kennenzulernen und einen Fuß in den Berliner Kulturbetrieb hineinzubekommen. Ein neuer und ambitionierter Galerist ist natürlich für einen jungen Künstler immer von Interesse, und hier trafen sich zwei Protagonisten, die beide dasselbe Stück eingeübt, aber noch nicht miteinander gespielt hatten.

Romen hatte schon Unmengen von Leinwänden und Papierbögen mit figurativ-expressiver und abstrakter Malerei gefüllt und verschiedene Ausstellungsprojekte wie SCHLARAFFENLAND, UMBAU und X-POSITION organisiert. Besonders herausragend war die letztgenannte Ausstellung X-POSITION. Mit einer unvorstellbaren Energie trommelte er damals 30 junge Berliner Künstler aus beiden Teilen der Stadt zusammen, die bisher noch kein angemessenes Forum gefunden hatten, und schaffte eine Ausstellung, die ihresgleichen suchte. Damit nicht genug, wurde ein Katalog realisiert, der das ganze Projekt dokumentierte und vielen der daran teilnehmenden Künstler als zukünftiges Katalogmaterial dienen sollte. Viele der damals beteiligten Künstler knüpften untereinander gute Freundschaften und sind auch heute noch mit Romen befreundet.

Die Ausstellung machte so großes Aufsehen, dass Romen neben den Dead Chickens, Sascha Kürschner, Alke Brinkmann, Sabine Herrmann und Klaus-Peter Vellguth in Zukunft von der Galerie Raab vertreten wurde. Raab hatte sich in den 80er Jahren mit den „Jungen Wilden“ einen Namen gemacht und sah wahrscheinlich in dem Projekt die Weiterführung dieses künstlerischen Geistes durch eine neue Generation.

Schon hier zeigte sich, dass Romens Unzufriedenheit ihn immer weiter vorwärts drängen würde. Romen beschränkt sich nie auf die Malerei oder die rein künstlerische Arbeit allein, immer schien ihn der Drang nach Entwicklung so stark vorwärts zu treiben, dass er in allen Lebensbereichen immer den Wechsel, die Entwicklung suchte. Es musste eine Möglichkeit geben, schneller und weiter zu kommen. Es musste eine Möglichkeit geben, den wahren Kern „jetzt und heute“ zu entdecken. Die Malerei schien ihm zu begrenzt, er hatte ihre Möglichkeiten ausgeschöpft, es dauerte zu lang, die Entwicklung ging nicht schnell genug, der Erkenntnisgewinn war zu gering.

Und dann der Erfolg – die Bilder wurden gemocht, Raab verkaufte, ich verkaufte, aber Romen hatte an dem, was er künstlerisch erarbeitet hatte, schon längst das Interesse verloren. Das Leben musste noch irgendwelche andere Möglichkeiten bieten. Und dann tauchte der erste kleine Schritt in die Unweiten der esoterischen Spielwelten auf: NLP – Neurolinguistisches Programmieren. Romen war nur noch das. Er verschlang alle Bücher, suchte sich einen Lehrer, besuchte alle Kurse und – das ist an dieser Stelle hervorzuheben – er wurde auch schon bei diesen ersten Schritten selbst zum Lehrer. Er behandelte andere, half anderen. Kaum selber die Techniken erlernt, wirkt er bereits als Vermittler, als Medium. Neben seinem Atelier mietet er sich eine kleine Wohnung und arbeitet mit Freunden, mit Bekannten, mit Fremden. Wie ein Psychologe behandelte er all jene und sich selbst mit den neu erlernten Techniken des NLP.

Sein Interesse ist zu dieser Zeit vollkommen auf die Psyche als mechanistischen Apparat fixiert. Das Leben folgt also einem Programm. Wer es versteht, das Programm zu lesen, es umzucodieren, hält vielleicht den Schlüssel in der Hand. Nichts zu dieser Zeit vom Körper, der vom Geist gebildet wird, nichts von Karma und der Vorherbestimmung, keine anderen Energiewesen und auch keine Wiedergeburt. All das hat in dem mechanistischen Weltbild dieser Tage noch keine Bedeutung. Nein, es wird sogar strikt von ihm abgelehnt und als unwahrscheinlich abgetan. Wie vor kurzem noch an der Leinwand, so kämpft er sich jetzt mit Begriffen der Psychologie ab und ringt mit ihnen.

In unseren Gesprächen geht es um Erkenntnisse: Der andere als Reibungsfläche, der andere als Spiegel eigener Widerstände. In dieser Zeit gibt Romen schließlich das Malen auf. Er will anders arbeiten, sucht das Neue und will dabei in die Welten anderer eintauchen. Zuerst in die von Klaus Geldmacher, einem Künstler, der farbenfrohe Lichtinstallationen und –objekte baut. Romen verwandelt sich in sein Gegenüber. Er adoptiert Geldmachers Kunst und fängt an, diese Techniken, diese Objekte weiterzuentwickeln, er sucht den Dialog und den Konflikt. Er überredet den anderen Künstler, gemeinsam Kunst zu machen, und sucht in diesem Prozess die Entwicklung. Eine Entwicklung durch Auseinandersetzung, Krise, Streit. Am Ende stehen Objekte, die nur noch Zerstörung sind, abgefackeltes Acryl, keine leuchtenden Lampen in bunten Farben mehr, sondern nur noch kunstgewordene Erstarrung und Zerstörung. Verbranntes Acryl und Zementkisten, in denen die feinen Leuchtkörper nur noch eine Zukunft haben: irgendwann einmal zerspringen zu müssen.

Der Auftakt ist gemacht, das erste gemeinschaftliche Ringen hat stattgefunden. Nun sucht er andere, andere sollen helfen, den Prozess am Laufen zu halten, andere künstlerische Positionen müssen her. In dieser Phase läuft ihm Michael Paul über den Weg. Auch ein Suchender. Ein Unternehmer, Sammler, Käufer von Romens Werken. Und dann die Wende. Alles soll anders werden. Paul will kein Unternehmer mehr sein, wechselt vom Kunstsammler zum Künstler. Älter als Romen, abgeklärter und bereits mit viel Erfahrung in esoterischen Techniken ausgestattet, stellt auch er die Suche im Zentrum. Zwischen den beiden entsteht ein intensiver Austausch, und sie haben einander viel zu geben. Michael Paul könnte fast Romens Vater sein, materiell abgesichert, mit reichem Erfahrungsschatz als Unternehmer und belesen in spiritueller Literatur. Romen hingegen nimmt die künstlerischen Ambitionen von Michael ernst und so kommt es zwischen ihnen zu einem regen Austausch. Beide sind in der Rolle des Gebenden und Nehmenden, und für einen Zeitraum von mehr als zwei Jahren verschmelzen die beiden in einen gemeinsamen Prozess von künstlerischer Arbeit und spirituellem Austausch. Auch hier haben sich zwei verwandte Seelen getroffen, die noch jahrelang gegenseitig ihre Wege befruchten werden. Noch heute haben die beiden ihre Ateliers Tür an Tür, obwohl die Zeiten gemeinsamer Kunstwerke lange vorüber sind.

Durch Michael eröffnen sich Romen neue Möglichkeiten, sich künstlerisch zu äußern. Michaels Firma verfügt über eine technische Ausstattung, die Romen die Welt digitaler Bilder und ihrer Bearbeitung erschließt. Er wird nun Chronist biografischer Bilderwelten, Fotografien seiner großen Liebe Anja und ihres gemeinsamen Sohnes werden zum Ausgangspunkt digitaler künstlerischer Abenteuer. Auch der Druck und die Produktion der Bilder sind in der Firma von Michael Paul möglich, und so entsteht eine Reihe von Paneelen aus Acryl, die den Betrachter in Traumwelten zu ziehen scheinen. Gesichter und Formen lösen sich ins fast Unkenntliche auf und lassen das Ursprungsmaterial nur noch erahnen. Der Prozess endet in der totalen Abstraktion. Am Ende stehen, ähnlich wie bei den Lichtobjekten, minimalistische Farbschlaufen, die keine weitere Botschaft mehr vermitteln, sondern einen ästhetischen Strudel an Farben und Konturen bilden, deren scheinbares Chaos einem logischen Rechnerprozess abgetrotzt wurde. Auch hier wieder das Ende einer Entwicklung. Wieder ein Neubeginn, wieder der Versuch, einen dieser vielen Fäden des Lebens aufzunehmen und ihn bis an seine Wurzeln zu verfolgen.

Gleichzeitig eine andere einschneidende Begegnung mit dem Psychologen Christian Meyer, spiritueller Lehrer, der in einer kleinen Wilmersdorfer Erdgeschosswohnung vor einem Kreis Suchender wöchentlich seine spirituellen Vorträge, seine „Satsangs“, hält. Er redet von Erleuchtung, vom Loslassen der Wünsche und Vorstellungen und empfiehlt seinen Schülern, sich jedem echten Gefühl, egal ob angenehm oder unangenehm hinzugeben. Alle Konsequenzen sind zu ertragen, kein Gefühl soll die Notwendigkeit einer Handlung erzwingen, es gilt auszuhalten, zu erspüren. Fühlen, nicht agieren! Hineinfallen und immer tiefer und tiefer in die jeweiligen Emotionen hineingleiten. Romen ist fasziniert, beseelt von dem was Christian Meyer dort vermittelt. Er saugt die Ideen bis in ihren Grundfesten auf, liest einschlägige Literatur. Romen, ein Mensch der immer agierte, ausagierte, überagierte, plante und immer in Windeseile vom Schüler zum Lehrenden wechselte, verordnete sich nun selbst Enthaltsamkeit. Vielleicht war die Erkenntnis doch nicht zu erzwingen. Demut anstatt Wunsch. Erfahren statt Erwartung.
Loslassen. Loslassen von diesem jahrelangen, ja, jahrzehntelangen Ringen mit sich selbst und der Welt. Ich bin Romen dankbar, dass er diese Erkenntnis mit mir geteilt hat, froh auch, dass wir beide mit Hilfe von Christian Meyer ähnliche Erfahrungen machen konnten. Ich hatte inzwischen meine Galerie aufgegeben und mich auf meine eigene fotografische Arbeit konzentriert. Der Kontakt zu Romen jedoch blieb. Der Austausch und unsere Freundschaft festigten sich, und so gingen wir gemeinsam eine recht lange und steinige Strecke, auf der jeder für sich seinen Ballast langsam abwerfen konnte. Während ich noch regemäßig die Abende bei Christian Meyer besuchte, war Romen erneut in die Rolle des Lehrers und Autodidakten geschlüpft. Bei regelmäßigen Treffen teilten wir uns gegenseitig die jeweiligen Entwicklungen und Widerstände mit. Bei dieser Nabelschau eigener, innerer Welten stieß Romen auf seine familiären Wurzeln und setzte sich in einem Buchprojekt mit seiner indischen Herkunft väterlicherseits auseinander. Viel zu lange hatte er diese Ursprünge vernachlässigt und sich lediglich im kulturellen Kontext Europas gesehen. Plötzlich waren sie da, die Probleme eines Emigranten, seine Ängste, seine Schwierigkeiten und seine ganz besondere Art der Assimilation in der deutschen Gesellschaft. Plötzlich verstand er seinen Vater und fühlte sich durch die Entdeckung dieses Erbes reicher als zuvor.

In dieser Phase beginnt Romen auch wieder zu malen. Er nimmt den Faden dort auf, wo er ihn vor fast zehn Jahren liegengelassen hatte. Abstrakte Malereien, ein wildes Durcheinander an Farben und Formen. Chaos und doch Struktur. In dieser Zeit wird der Farbauftrag dicker und dicker. Die Leinwände scheinen dem Betrachter entgegenzuwachsen. Romen zwingt die Malerei regelrecht ins Objekthafte hinein und trägt auf, was die Leinwand noch bereit ist zu tragen. Die Farben sind kaum noch auseinander zu halten, sind ineinander verspachtelt, verkratzt, gezupft und gewischt. Hier und da bilden die abstrakten Gebilde Landschaften oder Figuren im Auge des Betrachters. Über vier Jahre dauert dieser Kampf mit dem Material.

Und plötzlich passiert das Unerhörte. – Ich hatte Romen drei oder vier Wochen nicht gesehen, und wir hatten uns telefonisch zum Mittagessen verabredet. Ich sollte ihn, wie schon so oft, im Atelier abholen, um seine neuen Arbeiten anzuschauen. Er hatte eine Andeutung gemacht, dass es erneut einen Bruch gegeben hat. Romen war zum gegenständlichen Maler geworden. Großformatige Frauenköpfe schauten mich von allen Wänden an. Ich war bezaubert. Eigenwillige Gesichter, umgeben von einer transzendenten Aura. Lichtumflort, mit Augen, wie ich sie noch nie bei einem anderen Maler gesehen hatte. Er hatte es geschafft, die Spiritualität auf die Leinwand zu bannen: auf jeden Fall eine ganz eigene Art der Huldigung an die Weiblichkeit. Ich bin gespannt wohin der Weg ihn und mich weiter führen wird.

nach oben

zurück zu: Artikel