Kosmisches Nomadentum

… Abgetrenntheit im Flachland und danach

von Jurij Poelchau, Berlin 2008

Werter Leser,

wir steuern heute auf eine Epoche zu, die voraussichtlich der Postmoderne folgen wird. Folgerichtig stellt sich die Frage, wie dieses Zeitalter aussehen wird.

Der Wechsel von der Prämoderne in die Moderne ersetzte Magie durch Rationalität, das Zeitalter der Aufklärung gab die Einheit von Innen und Außen auf. Durch den Schritt von der Moderne zur Postmoderne geht laut Lyotard die Ordnung der großen Geschichten verloren. Ken Wilber bezeichnet das Weltbild der Postmoderne gern als Flachland – nicht im Sinne mathematischer Dimensionen, sondern in Hinblick auf die verloren gegangenen Hierarchien.

Romen Banerjees Werk trägt dieser historischen Entwicklung Rechnung. In seinem Frühwerk aus den 80er Jahren und der ersten Hälfte der 90er Jahre ist der Künstler noch weitgehend dem postmodernen Zeitgeist verpflichtet. Über die Einbeziehung therapeutisch-spiritueller Erkenntnisse in seine Arbeit etabliert Banerjee jedoch in der Folge den Maßstab der Wahrhaftigkeit in seiner Kunst und integriert hiermit das der Postmoderne abhanden gekommene Hierarchiemoment. Den ersten Höhepunkt dieser Integrationsleistung, den Bildzyklus ELEMENTARES, haben wir auszugsweise in der Publikation „ROOTS and Posterity“ 2007 vorgestellt. Banerjee versöhnte mich in dieser Zeit mit dem Projekt Moderne, indem er mir hemmungslos, unbefangen und gleichzeitig liebevoll die radikalen
anti-metaphysischen Schnitte, die für die Moderne charakteristisch sind und die er in seiner Kunst praktizierte, nahe brachte.

Im November 2007 begegnet der Künstler einer jungen Frau, die ihn tief berührt. In jenem entscheidenden Augenblick setzt ihm das Denken aus, Raum und Zeit fallen in sich zusammen, Innen- und Außenwelt erweisen sich als identisch. Dieses Erlebnis birgt für Banerjee – zunächst unbemerkt – ein zweites historisch relevantes Integrationspotential. Die Thematisierung des konkreten Erlebnisses im Außen als psychische Wahrhaftigkeit bei der Darstellung des Berührtseins, die den Künstler zur Form der Engel führt, bringt die im Übergang von der Prämoderne zur Moderne verloren gegangene Korrelation zwischen Innen und Außen wieder
eindrucksvoll zu Bewusstsein.

Die Engel (ich sage lieber „Elohim“, weil es mir so träumte) bilden damit den vorläufigen Abschluss der hier vorgelegten 25jährigen Schaffenszeit Banerjees. Die einzelnen Phasen, deren Dynamik und Zusammenhänge, werden in diesem Band umfassend von Matheos Pontikos dargestellt. Mir bleibt hier abschließend einige ergänzende Anmerkungen zu den zwei historischen Phasen, deren Integration sich im derzeitigen postmodernen Kontext abzeichnet, zu machen.

Durch die Versöhnung von Prämoderne, Moderne und Postmoderne eröffnet Romen Banerjee eine neue visionäre Perspektive. Man könnte sie den Ausblick auf ein „integratives Zeitalter“ nennen.

Die westliche Prämoderne ist von einem geschlossenen Weltbild konzentrischer Sphären geprägt. Die Weltkugel mit ihrer Atmosphäre bestimmt die Vorstellung vom Kosmos. Die Erdoberfläche ist die Grenze zwischen Unterwelt (christlich später „Hölle“) und Himmel. Letzterer ist in die so genannten Engelhierarchien geschichtet. Diese aufsteigend und mächtiger („göttlicher“) werdenden Ebenen beschreiben den immateriellen Kosmos oberhalb des Menschen. Jeder Ebene sind jene Wesenheiten namens Engel zugeordnet. Sie erscheinen in den Bildern Romen Banerjees wie aus der Vergangenheit aufgetaucht (religio = Rückbindung), rühren jedoch ausschließlich aus der Gegenwart her und sind keineswegs „religiös“ motiviert. Der Mensch als einzig aufrechtes materiell manifestiertes Wesen steht vertikal zu den Hierarchien, mit dem Potential alle Ebenen zu transzendieren, vom Erdkern durch die Unterwelt in den Himmel, um sich so in einem vielleicht unendlichen Prozess der Gottheit zu nähern.

In der Moderne wird diese heilige Hierarchie radikal dekonstruiert (interessanterweise bezieht sich Derrida bei seinen Dekonstruktionen oft auf Benjamins „Engel der Geschichte“, der das Erschrecken angesichts der historischen Katastrophen verkörpert). Seit dem Konzil von Konstantinopel beginnt das römische Christentum, die gewachsene „Wahrheit“ zu zerstückeln und den Machtbestrebungen des Imperiums anzupassen. Philosophen, allen voran Giordano Bruno, entdeckten freilich das unendliche Universum ohne ausgezeichnetes Zentrum. Das Universum, so Bruno, ist ein unendlich ausgedehntes lebendiges Wesen, und jeder Ort ist sein Mittelpunkt. Die Mathematiker Galilei, Newton und Descartes entleerten und liniearisierten jedoch die Raumzeit und stellen in diesem Punkt, trotz ihrer revolutionären Errungenschaften, eine direkte Nachfolge der katholischen Kirche dar (siehe Feyerabends „Against Method“). Dieser Geistestrend zieht sich ungebrochen bis zur Formulierung der Allgemeinen Relativitätstheorie hin, mit der Einstein durch mühevolles Erlernen der Riemannschen Geometrie den linearen Raum über seine Feldgleichungen mit Minkowskischer Metrik und „c“ als metaphysischer Konstante (wohl Unsinn, wie Zeilinger in „Einsteins Spuk“ zeigt) durch die Massenverteilung als gekrümmt auswies. Für den skizzierten Prozess des Verlusts des magischen Weltbildes hat der frühe Georg Lukács den Begriff der „transzendentalen Heimatlosigkeit“ des westlichen modernen Menschen geprägt.

Vor gut einem Jahr erschien der erste Band der Edition Poelchau, Romen Banerjees „ROOTS and Posterity“, ein Buch, das die künstlerischen Ergebnisse eines Ringens um psychische Authentizität zeigt. Der vorliegende zweite Band „DIE BERÜHRUNG“, verlegt vom Poelchau Verlag in Kooperation mit Kumar Books und herausgegeben von der Galerie Klaus Lea, gewährt nun einen Einblick in die Dynamik spiritueller Wahrhaftigkeit.

Die voranschreitende Zerstörung der Bio- und Soziosphäre unseres Planeten wird immer offensichtlicher. Um ihr zu trotzen, sind ökologisch, soziokulturell und ökonomisch verträgliche Strategien des Über- und Wohllebens auf allen Ebenen der Gesellschaft vonnöten. Ohne Ergründung der Ursachen der umwelt- und selbstzerstörerischen Haltung des Menschen, werden die nötigen tief greifenden und schnellen Veränderungen nicht stattfinden können. Meiner Ansicht nach wird das anbrechende Zeitalter als zentrales Merkmal integrative Züge besitzen müssen. In diesem Sinne verstehe ich dieses Buch auch als Aufforderung an uns alle. Stellen wir uns den Notwendigkeiten unseres Lebens und lassen wir uns überraschen, wohin es uns tragen wird!

Dank an Kalle Laar für den Hinweis auf „Against Method“, Dr. Tilman Lang für denjenigen auf „den Engel der Geschichte“, an Katharina Tilemann für das Vertraut machen mit der “transzendentalen Heimatlosigkeit“ und Sabine Wilms für das konstruktiv kritische Gegenlesen und Jochen Kirchhof fürs Korrigieren. Und vielen Dank an Romen Banerjee für die fruchtbare geistige Auseinandersetzung und gewährte Unterstützung in vielen anderen Bereichen.

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