Meine Bekanntschaft mit Romen Banerjee

von Karoline Müller, Berlin 2008

Am 3. Mai 2008, einem Samstag, besuchte ich Romen Banerjee in seinem Kreuzberger Hof-Atelier, schmal und zu ebener Erde im Haus Fidicinstraße 40. Das Gebäude war dasjenige, das der Berliner Maler Kurt Mühlenhaupt (1921 – 2006) einst erworben und „bar und aus der Hosentasche bezahlt“ hatte. Während Banerjee seine Bilder einzeln nacheinander im Hof aufstellte, weil sie im Atelier mangels Platz hintereinander stehen mussten, berichtete er mir von der Inspiration zu diesen Gemälden.

Vor der Ateliertür sei ein „Engel“ erschienen, eine junge Frau, die ihn minutenlang – die genaue Dauer erinnerte er nicht mehr – tief in die Augen geblickt habe, und er ihr auch. Er sei völlig erschrocken, fasziniert und nicht recht Herr seiner Sinne gewesen, d. h. in einer Hinsicht schon, da er sofort wusste, dass es sich um eine besondere Begegnung handeln musste. Die gesamte verfängliche seelische Beeinflussung führte beim Maler zu einem überirdischen Zustand, der sich verfünffachte, als der Engel ihn leicht
küsste – danach malte er die Begegnung.

12 Gemälde, Öl auf Leinwand, ca. 190 x 190, seit Dezember 2007, die er mir im Innenhof des ehemaligen Fabrikgeländes zeigte. Hier meine Notizen zu den Bildern:

1. Die Flügel, die sie trägt, sind aus Surfborden, Schleiern, Matten, aus grünen leichten Hölzern, Gaze, Schwertern. Wasser im Himmel, im Meer, Stoffe bestickt, pastoser Farbauftrag. Kleid versinkt im Vordergrund.

2. Augen, Nase und Mund sind zu sehen. Der Mund geschlossen, oder eingepackt, geöffnet, oder mit einer Ecstasy-Perle zwischen den Lippen: Opioid. „Schnell drauf“. Weiß und grün von den Wangen in die Haare. Frontal der Kopf, die Halbfigur, das Stehen.

3. Acht Augenpaare übereinander, verziert. Zeichen über der Nase wie das von des Malers indischem Vater. Herz – Durchschuss, blutig, rechts.

4. Schwimmerin im Schmetterlings-Stil mit grünem Leib.

5. Indianerkopf, bemalt und eingekerbt.

6. Afrikanerin mit Halsringen, Wundmal auf der Stirn, Wimpern angeklebt, ausgelaufene Tusche.

7. Sonnenaufgang, durch Sintflut unsicher gemacht. Botticelli-Kopf ist grün
bekränzt.

8. Ku-Klux-Klan-Engel ohne Flügel, mit schwarzer Augenmaske. Blutunterlaufene, ausfließende Augen.

9. Dirndl mit Abwehrraketen, links.

10. Pfefferkuchen-Engel schlägt Flügel in den Schnee.

11. Stratosphärenflug und Engel verbrennt.

12. Engel im Hemd. Breite Perlengehänge, an den Backenknochen befestigt.

Und wie ging das mit dem Engel aus?
„Natürlich habe ich sie tagelang in Kreuzberg gesucht. Ich habe sie nicht wieder erkannt, bis sie auf mich zukam“, antwortete der Maler.

Am 28. Oktober 1988, zu seiner Ausstellung GEMEINSAM UND ALLEIN, lernte ich Romen Banerjee kennen. Er fragte mich, ob ich in der Eisenhalle in Berlin-Wilmersdorf einige Kaltnadel-Drucke von Hans Grundig mit seinen und Torsten Sauters Gemälden ausstellen wollte. Obwohl die Räume nicht richtig abschließbar waren, versicherte die Ladengalerie Berlin die Werke der Künstler. Der Versicherer wusste, dass man die Arbeiten von Hans Grundig, einer von wenigen Menschen, die im Widerstand gegen den Faschismus künstlerisch arbeiteten, genauso wenig wie die Werke der jungen Maler beschädigen oder entwenden würde. Banerjee war damals 25.

Auch Hans Grundig war einmal einem Engel begegnet. – 1925 kommt ihm eine „Arbeitslose Zigarettenarbeiterin“ auf der Straße entgegen, die ihn mit ihrer roten Baskenmütze und den blauen Augen so sehr beeindruckt, dass auch er diese einfache, blonde Gestalt malerisch verklärt. Um die Dingmagie zu unterstreichen, lässt der Maler am traumgesichtigen Himmel einen Engel mit weit vorgestrecktem Arm von rechts ins Bild einfliegen. Das von ihm
verehrte Mädchen lächelt.

Und wenn einem kein Engel begegnet?

In den 80er Jahren hatte mich Romen Banerjee in sein Atelier am Tempelhofer Ufer eingeladen. Es war ein riesiges Westberliner Haus mit großen Wohnungen, hohen Wänden, düster und schlecht beleuchtet.

Ich fand eine unübliche Künstler-Werk- und Wohnstatt vor, die mich mehr als die mir bisher bekannten beeindruckte. Sicherlich hatte ich bis dahin 500 verschiedene Ateliers besucht. Es war eine Tropfsteinhöhle voller Bilder an den Wänden, auf der Erde, in den Zwischenräumen, Fluren, vor der Eingangstür, im Treppenhaus. Eine Maler-Kommune, Ateliergemeinschaft. Darin – unbeirrt, süchtig, beharrlich der Maler Banerjee.

Als ich ging, kam ich an einer Küche vorbei, in der gerade gekocht wurde. „Die unmittelbare Umsetzung des Lebensgefühls Berliner Molloch“, Banerjee.

Er erzählte mir, dass in seiner Kindheit wenig Geld da gewesen sei, da schon der Vater Künstler war. Wir tauschten uns darüber aus, warum die Künstler den Galeristen bei Ausstellungen zuerst nach der Kritik und dann erst nach dem Verkauf, dem Geld fragten.

Die Übergabe des Geldes, von dem man sich ernähren könnte, ist ja beim endlichen Kauf eines Werks der weihevolle Augenblick der gesellschaftlichen Akzeptanz: ein Gradmesser dessen, was die Gesellschaft, deren höchstes Gut das Geld ist, überhaupt für eine so unabgesicherte Ware wie ein gerade entstandenes Bild auszugeben bereit ist. – Ich weiß noch, dass ich erschrocken und beschämt war.

nach oben

zurück zu: Artikel