Radikales und umfassendes Scheitern

eine tagtägliche Herausforderung an einen jeden Künstler

Stefanie Ernst im Gespräch mit Romen Banerjee
für die Zeitung „Politik und Kultur“ des Deutschen Kulturrates – erschienen zuerst in der Ausgabe 03 / 2008

puk: Herr Banerjee, das Verständnis von Kunst ist einem ständigen Wandel unterworfen. Kunst galt einst als gestaltende Tätigkeit des schöpferisch-menschlichen Geistes, dann wurde kommuniziert, dass Kunst nicht von Können komme. Was macht für Sie Kunst aus?

Romen Banerjee: Kunst spiegelt die menschliche Existenz wider. Die Kunst, wie die Menschheit im Ganzen, hat sich letztendlich immer nur mit der einen Frage beschäftigt: „Wer bin ich?“. Das ist es, was den Menschen umtreibt; der einzige Ansatz oder die einzige Orientierung. Diese Frage ist wie ein Kompass, den der Mensch hat. Der Künstler hat die gesellschaftliche Aufgabe, dieser Frage mit seiner gesamten Existenz nachzuspüren. Das macht er natürlich nicht unbedingt bewusst, oft wird dies überlagert von Profilneurosen, dem Streben nach einem Alleinstellungsmerkmal und vielem mehr. Das Spannende ist, dass der Künstler – stärker noch als andere Menschen – sich in seiner Existenz zur Disposition stellt.

puk: Bedeutet das, dass der Prozess des Schaffens von Kunst für Sie wichtiger ist als das Endprodukt?

Banerjee: Das Entscheidende ist der hinter dem Kunstwerk, hinter dem Schaffensprozess stehende Lebensentwurf; also genauer: die Haltung. Kunst-Machen, das ist sozusagen ein Nebenprodukt; das Kunstwerk selber materialisiert die aus einer bestimmten Haltung hervorgegangene Handlung lediglich. Diese Haltung des Künstlers ist es, die dann als Authentizität im Kunstwerk erfahren wird. Dem Betrachter steht ein Raum für eine Begegnung mit der Wahrhaftigkeit zur Verfügung. Er wird, wenn er das Kunstwerk genießt, auf sich zurückgeworfen und macht so eine Erfahrung, die keiner Erklärung mehr bedarf.

puk: Während dieser Prozesshaftigkeit des Malens findet folglich noch etwas anderes statt? Etwas, was Sie als Künstler nicht beeinflussen können?

Banerjee: Im Wesentlichen gibt es drei Möglichkeiten, Schöpfung zu beschreiben. Erstens: der Künstler drückt sich durch seine Kunst zuallererst einmal aus. Er bringt sein Innerstes nach außen. Dies scheint mir eine recht oberflächliche Beschreibung zu sein. Die zweite Sichtweise wäre die Folgende: wenn der Künstler den schöpferischenProzess durchlebt und etwas materialisiert, fungiert er als Medium. Der Einfall, die Idee rauscht quasi durch ihn hindurch, sofern er es zulässt. Das meineich, wenn ich sage, dass eine Idee nicht durch Denken entsteht, sondern trotz Denken. Das Denken steht dem eher imWeg. Jeder kennt das: Die guten Ideen kommen tatsächlich unter der Dusche. Der Künstler ist darauf trainiert diesen Moment des Einfalls (etwas fällt von außen in einen hinein) auszudehnen. Dies ist ein Zustand der Selbstvergessenheit, eine Aufhebung der Abgetrenntheit. Eine Trennung zwischen Subjekt und Objekt findet dann nicht mehr statt. Ein solcher Zustand ist ein großes Glücksgefühl. Er geht mit der dritten Sichtweise einher, die ich persönlich am treffendsten finde: Ich erkenne, dass Form und Formlosigkeit, Leere und Fülle gleichzeitig sind. Dies ist für mich während eines intensiven schöpferischen Prozesses am deutlichsten und unmittelbar spürbar – aber im Grunde endet diese Wahrnehmung nicht beim Verlassen des Ateliers.

puk: Das würde – transformiert man das Gesagte in religiöse Kategorien – voraussetzen, dass es so etwas wie „eine höhere Macht“, gibt?

Banerjee: Nein, genau das wollte ich nicht sagen. Diese Vorstellung von der höheren Macht, dass etwas von außen einwirkt, das wäre der zweite Ansatz. Ich bin kein religiöser Mensch. Es geht vielmehr um die Erfahrung in der Kontemplation, dass es genau diese Abgetrenntheit nicht gibt. Es gibt keine höhere Macht. Vielmehr ist es vergleichbar mit dem was geschieht, wenn man einen Gedanken denkt. Man nimmt den Gedanken in dem Moment wahr, in dem man ihn denkt. Und es gibt keinen Unterschied zwischen Schöpfung und Wahrnehmung. Es ist der gleiche Akt. Ein Beispiel: Wenn man träumt, dann erscheint alles so wirklich, aber nach dem Aufwachen weiß man, dass es sich um einen Traum handelte. Die Dinge im Traum haben keine Substanz an und für sich. Sie existieren nicht aus sich selbst heraus. Dennoch hat man die Erfahrung gemacht. Der überaus erstaunliche Genuss in der Kunst ist: ich bin gleichermaßen und gleichzeitig Schöpfer wie Schöpfung.

puk: Herr Banerjee, was macht für Sie gute Kunst aus? Ist gute Kunst innovative Kunst oder technisch gut gemacht Kunst?

Banerjee: Gute Kunst hat nichts damit zu tun, ob sie innovativ ist im Sinne von neu. Auch wenn der Kunstmarkt zurzeit genau so funktioniert. Da geht es um das Besetzen von Nischen, es geht darum, Alleinstellungsmerkmale zu produzieren. Meiner Meinung nach hat gute Kunst ausschließlich mit Authentizität zu tun. Du musst nicht neu oder originell sein, es geht um die Wahrhaftigkeit der Entscheidung, die der Künstler im schöpferischen Prozess trifft. Und das wiederum hat nichts mit gesellschaftlichem Konsens bezüglich bestimmter Qualitätsmerkmale zu tun. Kunst ist, wenn der Künstler vollkommen frei, allein und radikal eine Entscheidung trifft, die sich aus einer inneren Notwendigkeit jenseits psychologischer Prägungen ergibt. Und diese zutiefst subjektive Entscheidung schlägt dann in objektive Qualität um.

puk: Auch als Künstler muss man von etwas leben. An dieser Stelle kommt naturgemäß der Betrachter ins Spiel. Versteht der Betrachter und damit der potentielle Käufer die Motive, den Schaffensprozess und den Schöpfungsakt? Oder ist das letztendlich gar nicht so wichtig?

Banerjee: Der Betrachter macht eine Erfahrung, wenn er sich Kunstwerke anschaut. Oder er macht sie nicht. Dass führt dann dazu, dass er kauft oder eben nicht. Darüber hinaus hängt der Kauf noch von vielen anderen Umständen ab – beispielsweise, ob er Geld hat, ob sein Umfeld sagt, dass er das Kunstwerk braucht oder eben nicht. Letztendlich sollte das Kaufverhalten für den Künstler keine Rolle spielen, denn so etwas bringt den Künstler nicht weiter. Weder in Hinblick auf seine künstlerische, noch seine persönliche Entwicklung. Das ist verschwendete Lebenszeit. Ich habe viele Kollegen, die bekannt oder namhaft sind, aber dieser Ruhm hält meist nur relativ kurz an. Was dem Künstler unabhängig von seinen Rahmenbedingungen bleibt, ist dieses Glücksmoment, das in der Wahrhaftigkeit immer, also auch beim Kunst-Machen, auftritt. Wenn Künstler sich verbiegen oder versuchen, für einen Markt zu produzieren, führt das eher zur Frustration, bringt aber, soweit ich weiß, nie dauerhaft den erhofften Effekt ein. Ich kenne kaum Künstler, die dieses Nach-dem-Markt- und Nach-dem-Verkauf-Schielen über längere Zeit ohne qualitative Einbrüche durchgehalten haben.

puk: Sie haben Sich eingehend mit den Themen „Wachsen und Scheitern“ befasst. Scheitern bedeutet für Sie die Möglichkeit, über sich hinauswachsen zu können. Greifen Sie damit nicht ausschließlich den positiven Ansatz des Scheiterns heraus? Scheitern kann ja auch sehr negative Auswirkungen haben und in völliger Destruktion enden.

Banerjee: Auf meinem Briefkopf hatte ich einige Jahre stehen: „Scheitern der Pläne – Kapitulation des Denkens“. Bei dem Scheitern von dem ich spreche geht es darum, dass Gedanken aufhören zu existieren. Das ist das A und O bei allem Schöpferischen. Die Gedanken stehen dem Schöpferischen, also der Authentizität, im Weg. Das Mentale kann das alles reflektieren, aber es kann es nicht ersetzten, sonst würde es dekorativ und oberflächlich. Man muss sich von jeglichen Vorstellungen und Erwartungen lossagen. Und um auf Ihre Frage zurückzukommen: Destruktion ist eine Folge zwanghaften Denkens. Konstruktives Denken ist ein Denken, dass den schöpferischen Akt, der in einem gedankenfreien Raum stattfindet, analysiert.

puk: Scheitern Sie also schon während des Schaffens mehrmals, um dann zu einem Ergebnis zu gelangen?

Banerjee: Ich scheitere quasi mit dem Umsetzen meiner Vorstellung. Dem kann ich vorbeugen, indem ich diese Vorstellungen sein lasse. Im Laufe des Lebens lernt man, sich weniger Vorstellungen zu machen, oder sie für weniger wichtig zu nehmen. Das ist vom Prinzip her genau das, was im Atelier passiert. Der Künstler beherrscht die Techniken, besitzt ein Repertoire von inneren Strategien zur Klärung der Frage, wie ein Bild werden soll. Und um so schneller er es schafft, all das über Bord zu werfen, desto mehr wird er überrascht von dem, was passiert, wenn er die Dinge einfach laufen lässt. Abschließend kann man noch ein paar Schnörkel anfügen und etwas ästhetisieren – wenn es sein muss.

puk: Zu Beginn des Gesprächs haben wir kurz über Lebensumstände und über Brüche gesprochen. Gibt es in Ihrem Leben als Künstler Stationen, die sich ganz eindeutig in Ihren Bildern oder in Zyklen widerspiegeln, die bestimmte Phasen Ihres Lebens zeigen?

Banerjee: Es gibt auf jeden Fall immer wieder bestimmt Werkgruppen, die einen bestimmten Entwicklungsstand bei mir aufzeigen. Nach der Hochschule bin ich auf dem Markt sehr schnell erfolgreich gewesen und hab eine recht steile Karriere hingelegt. Diese Phase meines Lebens war schon stark von Euphorie geprägt. Es ging um Werte wie Genialität und um diese Faszination an der Ohnmacht im Molloch Großstadt. Irgendwann kam dann der Bruch. Damals habe ich sehr große Projekte organisiert, auch mit anderen Künstlern. Das bekannteste war das Projekt x 94, wo wir 40.000 Besucher aus aller Welt hatten und einen großen Artikel im Stern bekamen. Es war eine tolle Zeit, in der man auch körperlich voll im Saft stand. Damals dachte ich, dass es ewig so weiter geht und ich nie an meine Grenzen kommen würde. Ich habe rund um die Uhr gearbeitet, immer nur ein paar Stunden geschlafen. Irgendwann habe ich dann meine Grenzen heftig überschritten. Deshalb bin ich damals in mich gegangen und habe versucht herauszufinden, worum es im Leben geht und mich gefragt, was wirklich wichtig ist. Dann habe ich angefangen, mich intensiver mit psychologischen Mechanismen zu befassen und verschiedene Ausbildungen gemacht. Ich bemerkte, dass die großen Gefühle gar nicht immer im Außen liegen, sondern auch in den kleinen Dingen, sowohl im Innern als auch in der Welt. Das hat meine Kunst natürlich ganz stark verändert. Thematisch ging es anfangs nun mehr um das Materialisieren von Glaubenssätzen. Ich entdeckte die Meditation und die Kontemplation, was meine Kunst erneut veränderte.

Verrückterweise haben sich genau zu diesem Zeitpunkt, als ich das Künstler-Sein als Identität völlig aufgegeben hatte, neue Möglichkeiten aufgetan. In dieser Zeit hatte ich nur noch Kunst für mich gemacht unter der Annahme, dass sie sich nie jemand anschauen würde. Als ich das Ziel aufgegeben hatte, Erfolg haben zu wollen, hat er sich wieder eingestellt – wenn auch, oder besser, glücklicherweise anders, als zuvor.

puk: Und hat sich die Kunst während dieser Zeit verändert? Würden Sie sagen: Meine Kunst damals war bei weitem nicht so gut, wie meine Kunst heute ist?

Banerjee: Wenn ich alte Sachen von mir sehe, bin ich immer wieder fasziniert. Denn sie strahlen eine Kraft aus, haben aber gleichzeitig etwas Getriebenes. Heute verspüre ich beim Betrachten den Impuls, den Jungen, der ich damals war, in den Arm zu nehmen und mir selbst zu sagen: „Alles ist gut – entspann dich mal“. Damals war ich sehr euphorisch, hatte das Gefühl herausfinden zu müssen, wie man mitmischen kann. Das war eine große Herausforderung und hat dann auch ein Stück weit funktioniert. Irgendwann ging der Reiz aber verloren. Ich hatte zu der Zeit wenig Muße, die Schönheit in den Dingen, im Leben wahrzunehmen. Vieles hat sich um meine Schaffenskraft, um meine Genialität gedreht. Aus heutiger Sicht ist das schon ein bisschen vertrödelte Lebenszeit, wenn man zu sehr in dieser Art auf sich selbst fixiert ist. Dennoch will ich die Zeit nicht missen. Sie war wild und toll – und notwendig. Heute kann ich sie besser genießen, meine Zeit jetzt und hier. Insofern würde ich nicht tauschen wollen. Meine heutige Kunst ist reifer geworden. Es ist nicht mehr so ein Sprühen in alle Richtungen, sondern sehr konzentriert, da ich weiß, was mir wichtig ist.

puk: Mich würden die Ausbildungen interessieren, die Sie gemacht haben.

Banerjee: Als Kind und Jugendlicher hab ich Cello, Gitarre, E-Bass und Keyboard gespielt und dann auch noch als Frontmann einer Band gesungen. Studiert habe ich Kunst und Physik. Die therapeutische Ausbildung kam dann etwas später: Zum einen habe ich eine Ausbildung in NLP, dem Neuro-Linguistischen-Programmieren, bei dem Urgestein der Szene Johann Kluczny gemacht. NLP wurde in Amerika entwickelt und ging mit dem Aufkommen der Videotechnik einher. Damals haben zwei Studenten bei Therapeuten hospitiert und versucht herauszufinden, warum manche Therapeuten erfolgreicher sind als andere. Dabei haben sie entdeckt, dass es Kommunikationsmuster gibt, die hauptsächlich nonverbal ablaufen. Diese Erkenntnisse haben sie neben einigen weiteren Entdeckungen mit anderen Schulen, etwa der Gestaltungstherapie, kombiniert. Besonders im Business-Kontext wird NLP angewendet. Nicht zuletzt, weil man damit ungemein geschickt andere manipulieren kann. Es ist eine sehr starke Technik, um sich selber und andere zu beobachten und zu intervenieren. Dazu kam der
schamanistische Ansatz des HUNA, den die Indianer auf Hawaii leben, und Methoden des Familienstellens nach Bert Hellinger. Auch dies ist eine sehr starke Arbeit, bei der es insbesondere um systemische Zusammenhänge geht. Letztendlich den radikalsten Perspektivwechsel habe ich meinem spirituellem Lehrer Christian Meyer zu verdanken, der mich mit der Lehre der „Advaita Vedanta“ in Kontakt brachte.

puk: Und sind diese Erfahrungen, die Sie durch die Ausbildungen gemacht habe, in Ihre Kunst eingeflossen?

Banerjee: Ja, all das hat mich verändert. Ich habe es völlig aufgegeben, irgendwelche Galeristen oder Kritiker zu hofieren. Das alles interessiert mich nicht mehr. Natürlich führt ein solches Verhalten dazu, dass bestimmte Kontakte abbrechen, aber die Lebensqualität verbessert sich durch einen solchen Schritt erheblich. Ich hatte damals den Eindruck, dass man ab einer bestimmten Bekanntheit nur noch mit Leuten zu tun hat, wo neben dem
Sich-gegenseitig-Benutzen keine Begegnung mehr möglich ist. Jetzt geht es wirklich nur noch um Qualität in dem bereits ausgeführten Sinne.

puk: Kommt es bei vielen Künstlern in ihrem Umfeld früher oder später zu einem Bruch mit der Kunstszene, dem Markt?

Banerjee: Ich habe schon den Eindruck, dass es vielen so geht. Andererseits gibt es Künstler, wie beispielsweise Heike Ruschmeyer, die ich sehr schätze, die noch nie versucht haben sich anzubiedern. Sie haben immer nur ihre Sache gemacht. Es gibt aber auch andere, die sich stets spekulativ verhalten. Mein Eindruck ist, dass ihre Kunst dadurch in einem pubertären Zustand stecken bleibt. Bei ihnen verschwindet das Getriebene nicht. Das kann zu einer großen künstlerischen Produktivität führen – der Markt unterstützt eine solche Haltung. Und es gibt natürlich auch Künstler, die einen ähnlichen Bruch haben wie ich. Einige hören dann sogar auf und gehen dann
konventionellere Wege.

puk: In früheren Werken drückte sich das Getrieben-Sein in der Kunst aus. Nun haben Sie Ihre innere Ruhe gefunden. Was würden Sie sich vor dieser Folie für Ihre Zukunft wünschen?

Banerjee: Ehrlich gesagt, habe ich darüber schon sehr, sehr lange nicht mehr nachgedacht. Ich glaube, dass die Arbeit, die ich mache und das, was ich für mich herausbekommen habe, auch für andere relevant sein kann. Es freut mich natürlich, wenn es Menschen gibt, denen meine Kunst etwas bedeutet. Es gibt einige, die orientieren sich an mir, meiner Kunst, meiner Haltung in Kunst und Leben. Diesen Menschen Unterstützung zu sein, ist mir eine große Freude. In diesem Sinne wünsche ich mir Erfolg. Ansonsten ist alles gut, so wie es ist.

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