Der Weg

Einige Anmerkungen zu meinem Werk

von Romen Banerjee, Berlin 2008

Ich bin der älteste Sohn eines indisch-deutschen Künstlerpaares und wuchs mit zwei jüngeren Schwestern im einstigen West-Berlin auf. Mein Vater stammt aus der Nähe von Kalkutta in der Provinz Bengalen, wo er von der dort dominierenden kommunistischen Bewegung geprägt wurde. Das Lebensmotto meiner Kindheit hieß: „Um ein guter Kommunist zu sein, musst du ein guter Arbeiter sein.“

Meine schulischen Leistungen waren gut. Ich wurde Klassen- und Schulsprecher und verbrachte meine Ferien oft in Pionierlagern der DDR, wo ich die ersten organisatorischen Erfahrungen sammelte. Ich lernte Cello spielen, später Gitarre. Anfang der 80er Jahre kamen E-Bass, Gesang, Keyboards und Computer hinzu.

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Der Glaube an das Gute im Menschen, meine Überzeugung, eine gerechte Welt gestalten zu können, und später mein Lehrer Wolfgang Petrick brachten mich zunächst in die künstlerische Nähe des Sozialistischen Realismus. Doch erkannte ich allmählich, dass es „die revolutionären Massen“ an und für sich nicht gab, vielmehr jeder Mensch ein durch sein Umfeld geprägtes und mit diesem in ständiger Wechselwirkung stehendes Individuum ist. Diese Erkenntnis führte mich von den anfänglichen „Revolutions- und Zeigefingerbildern“ zu einer Porträtmalerei, in der der Hintergrund für den Kontext stand und zunehmend gleichberechtigt zur Figur wurde.

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Bei einer längeren Reise nach Indien, zu der Familie meines Vaters, wurde ich mit der Brutalität der dort auf die Sinne einwirkenden Eindrücke, insbesondere mit dem Lärm, der in Kalkutta ausgesprochen schrill und übermächtig ist, konfrontiert. Durch dieses Erlebnis bekamen meine Bilder eine neue Intensität hinsichtlich ihrer Farbigkeit und Komplexität. Ich entdeckte die Faszination an der Ohnmacht.

Im Zuge der Studentenproteste der späten 80er Jahre wurden Herbert Mondry und ich (später kam Alke Brinkmann hinzu) mit anderen jungen Künstlern in den Vorstand des Berufsverbandes Bildender Künstler, Berlin gewählt, wo wir im Laufe von zwölf Jahren den damals in seinen internen Organisationsstrukturen einem Familienbetrieb ähnelnden Verband in ein professionell organisiertes mittelständisches Unternehmen verwandelten. (Im Unterschied zu den meisten anderen BBK im Bundesgebiet verfolgt der BBK Berlin ausschließlich gewerkschaftliche Ziele und versteht sich nicht als Ausstellerverband.) In jener Zeit der nach dem Mauerfall wuchernden Mietspekulationen mit anschließender Rezession konnte der BBK das so genannte „Ateliersofortprogramm“ durchsetzen, das für einen großen Teil der Berliner Künstlerschaft bezahlbare Atelierflächen zur Verfügung stellte und bis heute diese Rolle erfüllt.

Die Maueröffnung war für mich ein einschneidendes Ereignis, da mein naiver Glaube an den „real existierenden Sozialismus“ und das a priori Gute im Menschen in seinen Grundfesten erschüttert wurde. Gleichzeitig wuchs der Keim einer inneren Freiheit heran, der mir später die Möglichkeit abstrakter und gestischer Malerei eröffnete.

Die ersten massiven Attacken auf Ausländerwohnheime erschütterten mich tief. Auch ich wurde am helllichten Tag auf offener Straße von ein paar “Volksdeutschen“ urplötzlich verprügelt, ohne dass umstehende Passanten reagierten. Ein paar Tage später reiste ich für längere Zeit nach New York. Diese Stadt mit ihrer ethnischen Vielfalt und dem von dem deutschen sehr verschiedenen Nationalbewusstsein erlebte ich als große Befreiung und Erleichterung. Waren in meinen farbintensiven Bildern bisher stets noch figurative Elemente nötig gewesen, um dem Werk ordnende Struktur zu verleihen, so verschwand – als Ausdruck innerer Befreiung – nach meiner Rückkehr aus New York jede Figur aus meiner Arbeit.

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Die Tendenz, alles Erkennbare, Symbolische oder Erzählerische als störende Einschränkung zu empfinden, ergab sich aus einem über viele Jahre hinweg entstandenen Widerstand gegen meine noch aus der Kindheit herrührende Sehnsucht nach Orientierung, Sicherheit und Gerechtigkeit, die sich anfänglich in politisch engagierten, beinahe plakativ-naiven Bildern gezeigt hatte. Letztendlich blieben aber auch die Arbeiten dieser neuen Phase wegen ihres reaktiven Moments jenen alten Wünschen verhaftet. Die Arbeit mit Kollegen hatte für mich stets einen hohen Stellenwert. So ging es in der ersten Hälfte der 90er Jahre darum, komplexe Ausstellungsprojekte mit Künstlern unterschiedlichster Ansätze, teils auch aus konträren Lagern der Berliner Kunstszene zu organisieren. Diese öffentlichkeitswirksamen Projekte hatten zum besonderen Anliegen, die unterschiedlichsten Künstler aus diversen Kunstsparten über die Arbeit an gemeinsamen Kunstprojekten inhaltlich und formal in der künstlerischen Arbeit zusammen zu bringen. Dabei lag mir stets daran, „studierte Außenseiter“ mit „autodidaktischen Underdogs“ zu kombinieren. Zu diesem Zweck unterhielt ich von 1985 bis 1996 auch ein Tonstudio, in dem Künstler aus den Bereichen der Bildenden und Darstellenden Kunst, aus Tanz, Performance und Musik, Literatur und Film gemeinsam oder allein ihre Vorhaben realisieren konnten. Die in diesem Sinne umgesetzten Crossover-Ausstellungen SCHLARAFFENLAND und UMBAU waren ein Durchbruch auf Berliner Ebene, während die zwei Jahre später im Rahmen des Festivals „X94-Junge Kunst und Kultur“ stattgefundene Ausstellung X-POSITION international großes Aufsehen erregte, wozu zweifelsohne auch ein 16-seitiger Artikel in der Zeitschrift STERN beitrug. Etwa 40.000 Besucher aus aller Welt sahen sich allein X-POSITION an. Durch die gute Zusammenarbeit mit der Techno- und Clubszene, sowie einigen wichtigen Galerien wie Raab oder Wewerka und der Akademie der Künste konnte hier ein Trend für die Berliner Kulturlandschaft gesetzt werden.

Damals stand ich vor der Wahl, mich entweder der kuratorischen Arbeit zuzuwenden, oder eine Vertiefung meiner eigenen künstlerischen Arbeit zu verfolgen. Meine Entscheidung war einfach und folgenreich. Um meine eingefahrenen Kreativitätsstrategien noch radikaler zu konterkarieren, um Raum für wirklich Neues zu schaffen, suchte ich die Arbeit an gemeinsamen Werken mit anderen Künstlern.

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So entstanden umfangreiche Werkreihen mit dem Düsseldorfer Künstler Klaus Geldmacher, dem Dresdener Künstler Wieland Richter und dem Musiker und Performer Capt’n Space Sex, Kooperationen denen diejenige mit dem Maler Herbert Mondry bereits vorangegangen war. Als Sänger und Performer trat ich mit der Formation „Mad Doctor“ (heute „mindflux“) oder als „Monster“ bei den „Dead Chickens“ auf. Ich setzte ferner meinen malerischen Ansatz in der Kooperation mit der Keramikerin Wilfriede Maaß ins Plastische um.

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Anlässlich der Eröffnung der Ausstellung der Gemeinschaftsobjekte mit Klaus Geldmacher in der Galerie Raab lernte ich den Sammler Michael Paul kennen. In den folgenden Jahren entwickelte sich zwischen uns eine tiefe Freundschaft, nicht zuletzt, weil wir über mehrere Jahre gemeinsame Werke schufen. Diese Arbeit war insofern ein wichtiger neuer Schritt, als dass ich jeglichen Anspruch aufgab, „Kunst zu machen“. Michael Paul selbst galt bis dato weder als Künstler im eigentlichen Sinne, noch sah er sich als einen solchen an. Etwa zu dieser Zeit begann meine bewusste Abkehr vom Kunstmarkt. Kurz darauf wechselte ich von der recht etablierten Galerie Raab zu dem Junggaleristen Alexander Wolf, mit dem mich noch heute, nachdem er längst das Kunstgeschäft aufgegeben hat, eine innige Freundschaft verbindet.

In den vorangehenden Jahren hatte ich mich in meiner Malerei intensiv mit dem Phänomen der Wahrnehmung (Projektion/Wirklichkeit/Wahrheit) auseinandergesetzt und 1996 eigens zu diesem Thema eine Ausstellungsreihe mit einem aufwändigen Katalog organisiert. Beinahe zwangsläufig führte mich die Thematik in die Psychologie. Ein warhaft großer Mensch, mein Lehrer Johann Kluczny, einer der Begründer des deutschen NLP (Neurolinguistisches Programmieren), trat damals in mein Leben und ermöglichte mir in den kommenden Jahren eine fundierte NLP-Ausbildung. Er führte mich auch in die Welt des hawaiianischen Schamanismus (HUNA) ein.

Auf diesem Weg voranschreitend, lernte ich einen zweiten, für mich bis heute höchst bedeutenden Menschen kennen, meinen strengen und treuen Freund Richard Graf. Die zwei genannten Männer haben mich, jeder auf seine ganz eigene Art, in und durch oft höchst schwierige, aber fruchtbringende persönliche Prozesse geführt. Richard trug auch wesentlich zu meinem tieferen Verständnis der Aufstellungsarbeit Hellingers bei, die mich ebenfalls deutlich beeinflusste. Heute ist er der Pate meines siebenjährigen Sohnes Carlito, und auch dieser mein Werkkatalog wäre ohne seine Großzügigkeit kaum zu realisieren gewesen.

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In Zuge der genannten Entwicklung experimentierte ich damit, Prozesse des persönlichen Werdens zu materialisieren oder das energetische Erlebnis einer Transformation zu visualisieren. Nunmehr hatte ich mich vollends vom Anliegen, meiner Subjektivität malerischen Ausdruck zu verleihen, verabschiedet. Ich arbeitete zunehmend daran, meine persönliche Handschrift und Einflussnahme auf das Werk zurückzunehmen. Es entstanden etliche Experimente am Computer, oft unter Verwendung von Acrylglas, Beton-Acryl-Mischungen, biografischem Material, Leuchtmitteln und durch Einsatz von Feuer.

1998 kamen Anja und ich zusammen. Anja brachte die damals dreijährige Jodie mit in die Beziehung und 2001 wurde unser gemeinsamer Sohn Carlito Jack Romeo geboren. Diese Zeit, die für Außenstehende oft als mein „Rückzug ins Private“ erlebt wurde (ich gab beispielsweise mein Atelier auf und schuf meine Arbeiten in den Werkstätten der Firma „Paul Buchstaben“) empfinde ich noch heute als zentral für meine persönliche und künstlerische Entwicklung, da die Entscheidung, nicht mehr auf dem Markt präsent zu sein, mir den eigentlichen Zugang zu meiner künstlerischen Motivation eröffnete, ja, Aufschluss über das Phänomen Motivation überhaupt gab. Die Frage nach dem Sinn des Tuns, dem Sinn des Seins, die Frage „Wer bin ich?“, diese grundlegenden Menschheitsfragen waren nunmehr nicht mehr rein akademischer Natur. Herausgelöst nun auch aus therapeutisch-spirituellen Schutzräumen, ohne Netz und doppelten Boden konnten Erfahrungen in der Wirklichkeit erst ihre Wirkung voll entfalten.

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Paradoxerweise war es hierbei entscheidend, dass ich die unbewusste Identifikation mit dem konventionellen Status eines „Künstlers“ aufgab, was nicht zu bedeuten hatte, dass ich nicht mehr künstlerisch arbeitete. Dass das essientielle „Dies-oder-jenes-Sein“ als nicht existent erkannt wurde, kam einer explosionsartigen inneren Freiheit gleich. Einige Tage nachdem dies geschehen war, bot mir mein Freund Michael Paul an, sein neu bezogenes Atelier mit ihm zu teilen. So kehrte ich unter ganz neuem Vorzeichen zur Malerei zurück.

In den darauf folgenden Jahren schlug sich die gewonnene innere Freiheit in materialintensiver Ölmalerei nieder. Ich nehme an, dass sich dort allmählich archaische Muster meines Unbewussten ihren Weg bahnten. Der selbstvergessene Zustand rauschhaften Arbeitens der 90er Jahre, der komplexe grafische Strukturen hervorgebracht hatte, war einer radikal meditativen Arbeitsweise gewichen. Mir wurde noch deutlicher, dass Werke nicht durch einen Geniestreich entstehen, dass Schöpfung vielmehr nicht durch, sondern trotz der Ichhaftigkeit des Schaffenden stattfindet. Diese Art des Schaffens war nur ohne jegliche Motivation, die immer ein Ausdruck von Getriebenheit ist, möglich. Für mich war diese neue Haltung die Voraussetzung, überhaupt wieder ernsthaft für eineMarktpräsenz zur Verfügung zu stehen.

Ende November 2007 fuhr ich, noch verzaubert von den Eindrücken einer gerade gemachten Venedigreise, direkt vom Flugplatz ins Atelier. Da stand direkt vor mir eine junge Frau, als ich mich unerwartet an der Ateliertür umdrehte. Wir sahen uns minutenlang in die Augen: vollkommener Zeit- und Raumverlust, kein einziger Gedanke. In diesem Moment empfand ich eine tiefe Berührung, die mir in den folgenden Monaten zum Thema wurde.

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Nachdem ich seit den frühen 90er Jahren jeder figurativen Wiedererkennbarkeit geflohen war, führte mich die Umsetzung dieses Berührungsmoments überraschend zu einer überpersönlichen Figurendarstellung.

Der absichtsfreie reine Augenblick des einfachen Da-seins, der sich mir eingebrannt hatte, zwang mich zu einer engelähnlichen Darstellungsform. Erstmalig verstand ich die Ikonenmalerei (und andere Bilder, auf denen Engel dargestellt werden) und eröffnete mir einen direkteren Zugang zu Darstellungsformen magischer Phänomene anderer Kulturen.

Sicherlich wäre es verklärend zu sagen, ich hätte damals einen Engel gesehen. Dennoch ließ sich die bei dieser Begegnung stattgefundene Berührung nur mit Hilfe eines Engels aufzeigen. Deshalb offenbaren mir meine Engelbilder weniger Engel, noch gar Personen, denn den Augenblick.

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